Leseprobe
Der Zauberspiegel, Band I, Seiten 4 - 9
Frankreich im Jahre 1785. In den Städten herrschten Hunger und Elend. Überall waren Unruhen zu spüren. Hier auf dem Land war es allerdings noch ruhig und friedlich. Ein wunderschönes kleines Schloss lag ganz versteckt hinter den Bäumen, umgeben von riesigen Wäldern und Feldern. Nur eine Auffahrt führte direkt vor den Eingang. Das Dorf der Pächter lag vor den Weiden. Die kleinen Häuser waren ordentlich verputzt und die Dächer dicht. Ein befestigter Weg führte mitten hindurch. Die Leute waren zwar arm, aber sie waren ganz ordentlich gekleidet und Hunger litten sie auch nicht. Jeder sah hier, dass der Graf gut für seine Leute sorgte.

Es ist endlich Frühling. Die ersten Frühlingsblumen reckten ihre Köpfe in die Höhe, die Wiesen wurden langsam wieder grün und an den Bäumen waren die ersten Knospen zu sehen. Die Dorfbewohner atmeten auf, denn der lange Winter war endlich vorbei. Die warmen Sonnenstrahlen streichelten nicht nur die Natur, sondern auch das Herz und die Seele der Leute. Bei den Pächtern flatterte die Wäsche im Wind und die Kinder spielten vor den Häusern. Kühe wurden auf die Weide gebracht und jeder versuchte, heute lieber im Freien zu arbeiten. Es gab genug zu tun, denn die Felder mussten für die Saat vorbereitet werden.
Nur im Schloss selbst war es heute dunkel und still. Das Personal huschte lautlos durch die Flure. Im Schlafzimmer des Grafen waren die schweren Vorhänge geschlossen, sodass kein Sonnenstrahl durch die Fenster dringen konnte. Der Graf lag in seinem Bett und hatte die Augen geschlossen. Jedermann wusste, dass er die nächsten Stunden nicht überleben würde. Seit er sich im Winter eine schwere Grippe und Lungenentzündung zugezogen hatte, hatte er sich nicht mehr erholt. Vielleicht war es auch der seelische Schmerz, der sich noch dazugesellt hatte. Ein Lächeln huschte über die Lippen des Grafen. Seine Gedanken gingen noch einmal auf Wanderschaft. Er dachte an seine junge Frau, mit der er fünf glückliche Jahre verbracht hatte, bevor sie im Kindbett verstorben war. Beide waren überglücklich gewesen, als sie endlich schwanger wurde.
Er konnte diesen Schmerz nie verwinden und seinen Sohn nicht einfach in die Arme nehmen. Später ging es nicht mehr, da hatten sie sich schon entfremdet.
Dabei hatte sein Sohn genau ihre Züge, ihr Lächeln, ihr blondes Haar, ihre blauen Augen. Für seine dreizehn Jahre war er schon sehr groß, dazu sehr intelligent und sprach schon einige Sprachen. Eigentlich der perfekte Stammhalter, wenn dieser Unfall damals nicht gewesen wäre.
Die Mundwinkel des Grafen verzogen sich wieder und er atmete schwer. Sein engster Berater und bester Freund saß an seinem Bett und hielt seine Hand. Ihm wäre es natürlich lieber gewesen, wenn sein Sohn Nathan auch hier wäre, aber leider konnten die Differenzen zwischen ihnen nicht einmal jetzt überbrückt werden. Er wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, indem er seinem Sohn nie gezeigt hatte, wie sehr er ihn liebte.

Sein Sohn saß zu dieser Zeit in seinem Zimmer am Fenster und hing selbst seinen Gedanken nach. Er saß gern hier auf der breiten Fensterbank und schaute nach draußen. Er liebte die Natur, die Tiere und Pflanzen. Er wäre gern zu seinem Vater gegangen und hätte seine Hand gehalten, aber er traute sich nicht. Sein Vater war immer sehr streng und unnachgiebig gewesen. Keine Spur von Gefühlen konnte man von ihm erwarten. Er hatte ihn nie lachen, erst recht nicht weinen sehen. Und er hätte alles dafür gegeben, wenn sein Vater ihn einmal in den Arm genommen hätte.
Er wusste noch nicht einmal, ob sein Vater ihn wenigstens etwas liebte. Jetzt war es zu spät, denn er dürfte in den nächsten Stunden sterben. Dann war er ganz allein, ohne ein Elternteil. Seine Mutter hatte er nie kennengelernt, aber sie sollte sehr schön und lieb gewesen sein. Er war der Erbe, aber selbst noch ein Kind, dazu noch ein Krüppel, welche Ironie.
In diesem Moment kam ein Pferd auf den Hof galoppiert. Atemlos schwang sich David vom Pferderücken. Teufel rannte ihm hinterher. Nathan musste unwillkürlich lächeln. Die beiden passten wirklich gut zusammen. Beide schwarz wie der Teufel, nur Teufel war ein großer, schwarzer Hund und David ein Junge wie er. Dazu genauso groß und jung wie Nathan, nur hatte er braune Augen und konnte laufen. Er war viel kräftiger, denn er hatte ein hartes Leben hinter sich. Aber neidisch war Nathan nicht auf David. Ganz im Gegenteil, wenn dieser Unfall nicht gewesen wäre, dann hätten die beiden sich ja nie kennengelernt. Und David war sein bester Freund, Kumpel und Bruder. Er verdankte ihm die schönsten und lustigsten Stunden in seinem Leben. Aber auch gleichzeitig den traurigsten Moment, denn seitdem konnte er ja nicht mehr laufen.

Er war damals neun und mit seinem Vater beim Ausreiten. Sie ritten entlang der Wiesen und Felder in Richtung Wald. Dort kam auf einmal ein großer, zotteliger Hund bellend durchs Gebüsch gerannt. Ein Bettlerjunge jagte hinter ihm her, aber da war es schon geschehen. Sein Pferd scheute und warf ihn ab. Der Hund und der Bettlerjunge wurden mit aufs Schloss genommen und erst einmal eingesperrt. Nathan war bewusstlos und wurde auf sein Zimmer geschafft. Ein Arzt konnte bis auf ein paar Prellungen und Schürfwunden nichts feststellen, und trotzdem konnte Nathan seine Beine nicht mehr bewegen. Trotz vieler verschiedener Ärzte und sogenannten Wunderheilern konnte niemand etwas feststellen und ihm helfen. Er konnte ganz normal mit seinem Oberkörper umgehen, nur seine Beine blieben unbeweglich. Sein Vater wollte David damals für immer ins Gefängnis stecken. Andere wollten ihn sogar hängen. Aber für Nathan stand fest, dass David ja gar nichts dafür konnte, es war einfach Schicksal. Nathan bettelte so lange, bis David bei ihm bleiben durfte. Als Strafe sollte er Nathan lebenslang zur Hand gehen. Aus Holz wurden Krücken angefertigt, damit er auch allein aufstehen konnte. Ansonsten wurde er von einem Diener durch die Gegend getragen.
In der ersten Zeit war Nathan furchtbar unausstehlich. Er wollte sein Bett nicht mehr verlassen. Er sei schließlich ein Krüppel und wollte niemanden mehr sehen. Nur die Dienerschaft und David durften noch ins Zimmer. Er hatte sich sehr verändert. So kannte man Nathan überhaupt nicht. Er war immer lieb und hilfsbereit, jetzt aber aggressiv, stur und wütend. Bis David Nathan eines Tages voller Wut anschrie, er sollte sich doch endlich zusammennehmen. Er könnte zwar nicht mehr laufen, seine Arme aber schließlich noch bewegen. Richtige Krüppel könnten gar nichts mehr. Nur weil er reich wäre, könnte er anderen Menschen nicht das Leben zur Hölle machen. Die Dienerschaft könnte schließlich nichts dafür. Die müssten auch so hart genug für ihn arbeiten. Er hätte genug Krüppel in seinem Leben gesehen. Nathan sollte sich nicht so anstellen. Es reichte ihm, er hätte die Nase voll. Da ginge er lieber ins Gefängnis, als bei ihm zu bleiben.
Nathan konnte nicht glauben, was David ihn da sagte und wurde unheimlich wütend. Er warf David aus dem Zimmer und wollte ihn nicht mehr sehen. Was hatte er sich erlaubt!
Einsam lag er danach in seinem Bett und dachte über sein Leben nach. David hatte ja recht. Seine Wut und seinen Ärger darüber, dass er nicht mehr laufen konnte, ließ er an anderen aus. Es war einfach Schicksal. Er konnte jetzt nicht sein ganzes Leben im Bett verbringen. Einen ganzen Monat war er schon nicht mehr draußen gewesen. Sehnsuchtsvoll schaute er zum Fenster. Der Sommer hatte begonnen und er lag noch hier. Dann hatte er einen Entschluss gefasst. Er nahm die Krücken, die an seinem Bettende standen, und mühte sich aus dem Bett. Natürlich klappte es nicht beim ersten Mal und Nathan fiel hin. David hörte es vor der Tür, stürzte sofort ins Zimmer und half Nathan auf. Dieser entschuldigte sich: "Du hast ja recht, ich war wirklich ein richtiger Stinkstiefel. Ab jetzt soll alles anders werden. Ich werde mir Mühe geben und lernen, mit meiner Behinderung zurechtzukommen."

Sie wurden die besten Freunde und nichts konnte diese Jungenfreundschaft erschüttern.

Der Zauberspiegel, Band II, Seiten 5 bis 9
Der Hund wich ihm nicht von seiner Seite. Er lag jeden Tag vor Nathans Bett und passte auf.
Arthur und David erzählten ihm gerade, was sich ereignet hatte. Nathan staunte nicht schlecht, als er erfuhr, warum er vom Pferd gefallen war. "Ich wusste doch, dass man Georg nicht trauen konnte. So ein gemeiner Kerl. Wie kann man so etwas tun? Er wollte mich doch wirklich um die Ecke bringen und nur damit er an das Erbe konnte. So arm können die doch gar nicht gewesen sein?! Geldgier ist nicht schön!"
David erzählte ihm, was Georgs Schwester Michele ihm im Vertrauen erzählt hatte. Ihre Familie hatte wirklich wenig Geld. Irgendwie hatte der Vater alles verspekuliert.
"Wenn sie gefragt hätten, dann hätte man sie ja unterstützen können. Was sollte das alles. Ich hoffe nur, dass ich diesen Kerl nie wieder sehe."
"Nein", sagte Arthur, "den sehen wir nie wieder. Ich habe mit seinem Vater ein Abkommen geschlossen. Er tritt vom Erbe zurück und dafür durfte er unbehelligt mit seinem Sohn nach Hause fahren. Es gibt zwar keine Strafe für Georg, aber wir brauchen keine Angst zu haben, dass er nochmals einen Anschlag versuchen wird. Er hat keine Rechte mehr und darf sich auch niemals wieder deinen Grundstücken nähern. Dem Vater wäre es sehr peinlich gewesen, wenn das an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Dann wäre der gute Name dahin. Michele kann nur von Glück sagen, dass sie noch ein Kind ist, sonst würden die Eltern es fertig bringen und sie mit einem Mann verheiraten, der viel Geld besitzt."
"Ja, schade für das Mädchen", sagte David ganz nachdenklich. "Du hast dich doch nicht verliebt?", fragte Nathan. "Nein, wie kommst du darauf?" David bekam rosige Wangen.
"Es sah so aus."
"Nein, sie ist einfach ein liebes und hübsches Mädchen."
Nathan grinste. "Du brauchst gar nicht so zu grinsen", murmelte David.

Nathan hatte jetzt Probleme, mit seinen Beinen zu recht zu kommen. Erste Anzeichen von Gefühlen gab es, heftiges Kribbeln und oft unkontrollierte Zuckungen. Nathan sagte zu David, dass es ein total komisches Gefühl sei. Als wenn er auf dem Wasser liegen und die Wellenbewegungen spüren würde. Manchmal sei es wieder so, als wenn die Beine und der Hintern eingeschlafen seien. "Sie fühlen sich an wie Gummibeine. Ich habe überhaupt keinen Einfluss darauf, meine Füße machen einfach, was sie wollen. Was soll ich nur machen? Ich kann auch nicht mehr mit meinen Krücken laufen, weil die Beine einfach ausschlagen und ich dann hinfalle."
"Der Arzt hat gemeint, dass du mit der Zeit wieder Kontrolle über deine Beine gewinnst. Wahrscheinlich wirst du wieder richtig laufen können. Aber es braucht Zeit und Geduld. Wir sollen immer viele Übungen machen, damit die Muskeln gestärkt werden. Das ist wichtig, hat er gesagt, weil die Muskeln sich ja zurückgebildet haben."
"Wie lange wird es dauern?" Nathan war ungeduldig. "Keine Ahnung", fand Arthur. "Wir müssen einfach abwarten."
"Abwarten?! Soll ich monatelang im Bett liegen und warten, ob ich mich irgendwann bewegen kann?"
"Bis dahin können wir dich durch die Gegend tragen oder David fährt dich einfach mit dem Stuhl", sagte Arthur. "Außerdem ist es doch die Sache wert, wenn du wieder laufen könntest, oder nicht?"
"Ja, du hast recht. Die Sache ist es wirklich wert. Hauptsache ich kann auch wieder laufen!"
"Warte ab, es wird schon, glaube einfach daran, wie wir alle."
"Und ich brauchte kein schlechtes Gewissen mehr zu haben", warf David ein.
"Jetzt geht das schon wieder los."
"Das stimmt doch auch, der Hund und ich sind ja auch daran schuld!" Wie zum Beweis fing Teufel an zu bellen.
"Jetzt hört auf damit, schließlich hätte ich sonst niemanden, der mit mir jeden Tag meine Übungen macht, und an dem ich meinen Frust ablasen kann!" David fing an zu lachen.
"Ach, wäre das toll, endlich wieder laufen zu können."

Ein paar Wochen sind vergangen. Inzwischen hat der Herbst seinen Einzug gehalten. Sturmböen jagten um das Haus und rüttelten am Dach. Überall knarrte es und man hörte das Heulen des Windes im Schloss. Es war ungemütlich und kalt. Der Regen peitschte an die Fensterscheiben.
David half seinem Freund gerade aus dem Bett und auf den Stuhl. "Lass mich wenigstens am Fenster sitzen und nach draußen schauen."
"Was willst du da sehen, es stürmt. Sei froh, dass du nicht raus musst."
"Aber ich liege seit Wochen im Bett, und wenn ich schon nicht raus kann, dann will ich wenigstens raus gucken." David schob den Stuhl zum Fenster. Der Rabe saß auf der Fensterbank und putzte sein Gefieder. "Danke übrigens, dass du dich allein um die verletzten Tiere gekümmert hast."
"Habe ich doch gerne gemacht, aber im Moment haben wir keine verletzten Tiere mehr. Der Stall ist leer." Der Hund trottete zum Kamin und lies sich vor dem Feuer nieder. "Siehst du, sogar Teufel kann das Elend draußen nicht mehr sehen." Die beiden lachten.
"Ach, der Arzt kommt heute Abend und will dich noch einmal untersuchen. Er bringt einen Spezialisten aus Paris mit."
"Oh je, das kann nichts Gutes bedeuten", schon wieder resignierte Nathan. "Nein, hör auf, immer schwarz zu sehen! Soll ich uns ein Buch holen und etwas vorlesen?" Und schon war David auf dem Weg in die Bibliothek. Als er zurückkam, saß Nathan direkt auf der Fensterbank. "Wie hast du das wieder angestellt?"
"Ganz einfach. Wie immer mit den Armen hochgezogen. Irgendwie sind meine Beine heute auch anders, nicht mehr wie Gummi, ich habe Schmerzen. Vielleicht sind die vielen Übungen einfach zu viel." Ängstlich sah Nathan zu David.
"Warten wir doch erst einmal ab, was der Arzt sagt", versuchte David zu beruhigen. Doch beiden war mulmig zumute.
"Was hast du uns für ein Buch geholt? Eine Abenteuergeschichte? Super!", platzte Nathan heraus, um die unangenehme Situation zu überspielen, aber schon holte ihn die Angst wieder ein. "David, ob wir jemals wieder selbst ein Abenteuer erleben?"
"Na klar, wenn du wieder laufen kannst, dann gehen wir zum Spiegel. Vielleicht könnten wir ja mit Arthur vorher einen Urlaub aushandeln, damit es dann nicht auffällt, wenn wir nicht da sind."
"Klasse Idee von dir. Aber weist du, wenn ich wieder laufen kann, dann gehe ich zum Grab von Alwina. Sie soll sehen, dass ich auf meinen eigenen Füßen stehen kann."
"Ich glaube, sie wusste schon immer, dass du irgendwann wieder laufen kannst. Glaubst du nicht auch? Sie wusste doch alles, aber leider hat sie uns nicht alles erzählt."